MANANA MENABDE

TBILISSI-MOSKAU-BERLIN

 

Manana Menabde vorstellen zu wollen, mag für manchen Musikkenner dem Unterfangen gleichen, die vielzitierten Eulen nach Athen zu tragen, genießt sie doch - wie es der Leipziger Kritiker und Musikwissenschaftler Bert Noglik in seiner jüngsten Rezension in der "Leipziger Volkszeitung" ausdruckte - als Komponistin und Sängerin „absoluten Kultstatus im Kreis ihrer Fangemeinde". Manana Menabdes künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten sind allerdings weitaus vielfältiger: Sie ist auch Lyrikerin und Prosaistin, und die Faszination ihrer Texte steht der Brillanz ihrer vokalischen Interpretationen in keiner Weise nach.

Manana Menabde wurde 1948 in Tbilissi in einer zutiefst kunstsinnigen und musikalischen Familie geboren: Immerhin ist sie die Enkelin der 4 berühmten Ischchneli-Schwestern, die als Gesangsquartett dem Genre der georgischen Stadtromanze zur Blute verhalfen Bereits als Kind stand Manana Menabde auf der Buhne Prägende musikalische Erfahrungen sammelte sie als Solistin des Jazz und Unterhaltungsorchesters „RERO", und sie setzte die intensive Konzerttätigkeit in und außerhalb der damaligen Sowjet-Union auch wahrend ihres Regie-Studiums an den Theaterhochschulen Tbilissi und Moskau fort.

Manana Menabde arbeitete bei Funk und Fernsehen, schuf Filmmusiken wie beispielsweise zu dem Spielfilm „Der Tag ist langer als die Nacht" von Lana Gogoberidse, in dem sie selbst als Schauspielerin eine Hauptrolle - die des fahrenden Gauklers - übernahm.

Ihre Liebe als Komponistin galt und gilt besonders der Vertonung klassischer georgischer Dichtung, und sie kann dabei aus dem unendlichen Reichtum und der Vielgestaltigkeit der Musikkultur Georgiens schöpfen, einer Musikkultur, die es für Europa im Grunde noch zu entdecken gilt. Manana Menabde bedient sich dieser Tradition auf eine Weise, die wohl am treffendsten mit den Attributen zeitlos und authentisch zu charakterisieren ist, widersetzt sie sich doch konsequent allen Versuchen, durch folkloristischen Schnickschnack Pseudomodernität erzeugen zu wollen oder durch Inszenierung und Show die Erwartungen musikalischer Pauschaltouristen zu befriedigen

Und auch da, wo Manana Menabde russische Lieder singt - wie beispielsweise die Werke des bekannten Liedpoeten Bulat Okudshawa -, gewinnt ihre Interpretation unüberhörbar eigene Klänge. Vor allem deshalb, weil sich hier eine Sängerin artikuliert, die - bedingt durch ihr eigenes Schicksal, durch die Weltenwechsel ihres Lebens -über das Georgische oder das Russische hinauswachst, die mit der Musik- und Geisteskultur verschiedener Sozien vertraut ist: Manana Menabde wuchs zweisprachig auf, für nicht wenige Jahre war Moskau ihre Heimat, und seit 1 992 hat sie in Berlin ihr Zuhause

Manana Menabde lebt nicht zwischen den Kulturen, wie andere etwa zwischen sämtlichen Stühlen sitzen mögen, sie lebt mit ihnen, braucht die südliche Leichtigkeit, den Stolz, den unverwüstlichen Lebensmut, den hintersinnigen Schalk der georgischen Melodien ebenso wie die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, die Melancholie, das stille Hoffen darauf, daß im Leben nicht alles vergebens gewesen sein darf, wie es viele ihrer russischen Lieder so anrührend ausdrucken. Und darauf, welche Wurzeln nunmehr die deutsche Kultur in Manana Menabde schlägt, dürfen Zuhörer wie Leser gespannt sein. Augenfällig sind in den neueren, in Berlin entstandenen Gedichten jedoch Anklänge von innerer Verlorenheit, Schutzbedürfnis, einem Fragen nach dem Wie-weiter, der Bilanzierung des Gewesenen.

Manana Menabdes wirkliche - weil verinnerlichte und nicht aufgesetzte - Internationalität macht möglich, daß sie etwa in dem Liedwerk „Himmelblau" ihrer Vertonung nicht den georgischen Originaltext von Nikolos Barataschwili zugrunde legt, sondern Boris Pasternaks wunderbare Übersetzung in das Russische. Oder daß sich in ihren Konzerten den georgischen Liedern ganz natürlich und bruchlos das Werk „Das ist der Herbst" zugesellt: Den Text dafür liefert die kongeniale russische Fassung eines philosophischen Gedichts, dessen Schöpfer kein Geringerer als Friedrich Nietzsche ist.

Manana Menabdes erstaunliche Fähigkeit, mit der Tradition zugleich die Tradition zu brechen, tritt auch in den anderen künstlerischen Betätigungen zutage, denen sie sich zuwendet: entweder seit langem - der Malerei, oder seit einigen Jahren - der Kunstkeramik und der Lyrik, oder verstärkt in jüngster Zeit - der Prosa.

In ihren Prosaarbeiten wählt Manana Menabde bevorzugt eine literarische Form, die den Leser, der an Science fiction, Gothic Novel und Action-Romanes geschult ist, zunächst verbluffen mag: nämlich die Pritsche - das Gleichnis, die Parabel.

Gewiß resultiert Manana Menabdes sehr natürlicher Umgang mit dem Gleichnis dabei unter anderem aus ihrer tiefen, aktiv gelebten Religiosität, aus dem Umstand, daß es für diese Künstlerin kein faszinierenderes Buch gibt als die Bibel An dieser Gattung, die ein Homer ebenso meisterlich nutzte wie ein Bertolt Brecht, mag Manana Menabde wohl aber auch die Disziplin reizen, die Strenge, die Bereinigung von überflüssigen Details, die das Gleichnishafte erfordert. Es bleibt in den Parabeln nur, was wirklich Bestand hat: die unverzichtbaren Erfahrungen des Lebens, gute wie schlechte. Und es bleibt immer Lebensbejahung. Bei Manana Menabde tritt ein Element des Grotesken, Ades Absurden hinzu, dem dennoch eine eigenartige Logik innewohnt. Und ein trockener, verschmitzter Humor, der dem Leser oft erst im nachhinein aufgeht, der am liebsten über sich selbst lacht und das andere nie denunziert oder diffamiert. Auch mutet es überraschend an, wenn die namenlosen, generalisierten Protagonisten der kleinen Meisterwerke plötzlich aus ihrer parabeltaften Ziellosigkeit heraustreten und sich auf ganz und gar heutige Dialoge einlassen Da erkennt der Leser sehr wohl konkrete gesellschaftliche Umstande, Machtmechanismen und Verhaltensmuster, mit denen sich Manana Menabde auseinandersetzt Sind die Texte doch poetisch, aber nicht unpolitisch, geschliffen, aber nicht harmlos

HANNELORE UMBREIT

DIE AUTORIN:

Hannelore Umbreit wurde 1950 geboren. 1974 erhielt sie ihren AbschluB als Diplom-Übersetzerin und -Dolmetscherin für Russisch und Englisch an der Universität Leipzig, 1979 Promotion. Sie ist tätig am Institut für Sprach- und Übersetzungswissenschaften der Universität Leipzig mit Lehrverpflichtungen in den Disziplinen allgemeinsprachliches Übersetzen, literarisches Übersetzen sowie Ubersetzungswissenschafl. Daneben ist Hannelore Umbreit langjährig Übersetzerin für russische Gegenwartsliteratur.

 

 

Leipziger Volkszeitung" 26.05.98

Sentimentale Romanzen dank Mananas Gesang

Die Freunde sind aufgeregt. Manana ist es auch. Sie, die selbstbewußte und zugleich empfindsame, wohl auch empfindliche Manana Menabde, in deren Stimme die feinsten Regungen der Seele mitschwingen. Die aus Tiblissi stammende Sängerin genißt im Kreis "ihrer Fangemeinde absoluten Kultstatus. Und viele, die an diesem „Ostwind"-Abend in die naTo gekommen sind; gehören gewissermaßen zur Familie.

Manana Menabde schöpft aus der reichen.musikalischen und poetischen Tradition ihrer Heimat. Sie läßt erahnen, was es bedeutet, mit einer eindringlichen, dabei durchaus sanften Stimme Berge zu versetzen.

Stark und doch. auch zerbrechlich, immer mit leicht melancholisch eingefärbten Tönen singt sie von der Stille im Garten, von der Nachtigall und der Rose. Sie erzählt uralte Geschichten; streift sentimentale Romanzen, berichtet von alltäglichen Begebenheiten und kommt in den von ihr. bearbeiteten oder. selbst verfaßten Liedern immer wieder auf die Liebe.

Das allein wäre für Menabde Grund genug, aufgeregt zu sein. Doch dieser Abend ist eine Premiere. Die Sängerin, die sich selbst auf der Gitarre begleitet, trifft erstmals in einem Live-Programm mit zwei Musikern der georgischen Jazzgruppe „Shin" zusammen.

Der Gitarrist Zaza Miminoshvili und der Baßgitarrist, auch, als

Begleitsänger agierende Zurab Gagnidze umspielen Mananas Gesang, versetzen sie in eine von vitalen Improvisationen durchzogene Klanglandschaft. An den musikalischen Schnittpunkten; an den Reibeflächen von Orient und Okzident entzündet sich die musikalische Phantasie, entwickeln sich komplexe klangrhythmische Strukturen.

Da bekommen die Gesänge auf einmal perkussives Feuer, gibt es unerwartete Steigerungen. Um beides Mananas Gesang und das freie instrumentale Spiel, - noch enger miteinander zu verflechten, bedarf es eines Wachstums-Prozesses, für den alle Voraussetzungen gegeben sind. Sie schöpfen beide aus den gleichen Quellen: die

folkloristisch inspirierten Musiker und die charismatische Sängerin, deren Stimme aus der Tradition kommt, die die Gegenwart reflektiert und in die Welt gehört.

Bert Noglik

 

Stadtteil-Nachrichten

Balladen künden von Liebe und Leid

Hörde. (M. K.) Beim Klezmer-Musik-Workshops mit Giora Feidman erwartete die Teilnehmer ein ganz besonderes Konzertereignis im Cabaret Queue. Die Folklore-Sängerin Manana Menabde aus Georgien, ebenfalls Work-shops-Teilnehmerin präsentierte den etwa 100 Zuhörern Balladen und Romanzen aus ihrer Heimat.

Sie begleitete ihre wanne, sonore Stimme mit der zwölf-saitigen Gitarre und erzählte mit Gesang und Instrument von Liebe und Leid, von Träumen und Hoffnung. „Ich möchte Euch Botschatten aus meinem Land bringen, dabei stimme ich mit Giora überein; daß die Stille die Seele des Klanges ist."

Mit einer bewundernswerten Ruhe begann sie, alte Lieder ihres Volkes zu singen. Da sie selber aus einer Musikerfamilie stammt, stimmte sie ein Lied ihrer Urgroßmutter an. Ein „humoristisches Liebeslied" wie sie es selber nannte.

Niemand konnte den Wortlaut der fremden Sprache verstehen, aber jeder wußte, wovon die einzelnen Lieder handeln.

Nach ihrem sorgfältig gewählten Programm zeigte die Sängerin einige Dias ihres Landes. Danach motivierte sie alle Anwesenden mitzusingen - um eine Überleitung zu finden für die anschließende Jam-Session mit den ''Workshöp-Teilnehmern' und Giora Feidmann.

 

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